03.05.26

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Beschaffung in der Chemie 2026: Was die Lage für Einkauf und Lieferzeit bedeutet

Die Beschaffung von Chemikalien in industriellen Mengen befindet sich seit dem Spätjahr 2025 in einer Lage, die mit den Routinen der vergangenen Jahre wenig gemein hat. Die deutsche Chemieproduktion ist 2025 um 3,3 Prozent gesunken, die Anlagenauslastung lag im vierten Quartal bei 72,5 Prozent. Das ist nach Einordnung des VCI ein Niveau, das viele Betriebe „an ihre Grenzen“ bringt. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup sprach von einem „absoluten Krisenmodus“.

Vor diesem Hintergrund verändert sich, was Beschaffung im industriellen Umfeld konkret bedeutet. Belastbare Preise gelten nicht mehr automatisch für längere Zeiträume, und realistische Lieferzeiten setzen heute mehrere Variablen gleichzeitig voraus, die sich zwischen Anfrage und Bestätigung verschieben können. Der Standardpreis weicht zunehmend dem Gespräch.

Lieferketten unter doppeltem Druck

Die Bewegung kommt aus mehreren Richtungen gleichzeitig. China hat seine Ausfuhren mehrerer chemischer Vorprodukte verlangsamt, darunter Stoffe, die in Europa kaum noch in nennenswertem Umfang hergestellt werden. Bei Seltenen Erden liegt der Anteil der chinesischen Lieferungen für die EU bei rund 98 Prozent, bei kritischen Rohstoffen insgesamt bei knapp der Hälfte (Einordnung der SWP Berlin). Parallel wirkt die Eskalation rund um die Straße von Hormuz: Der Korridor, durch den ein erheblicher Teil des globalen Öl-, Gas- und Rohstoffhandels läuft, war zeitweise blockiert.

Die Folgen schlagen direkt auf den Auftragseingang durch. Branchenweit liegen die Bestellungen rund 25 Prozent unter dem Niveau von 2021, in der Grundchemie sogar darunter. Strukturmaßnahmen großer Hersteller, etwa angekündigte Kostensenkungen am Standort Ludwigshafen, verändern zudem mittelfristig, welche Mengen aus europäischer Produktion überhaupt verfügbar bleiben.

Pharma und Chemie laufen auseinander

Bemerkenswert ist die Spreizung innerhalb der Branche. Während die Pharmaindustrie 2025 um 4,5 Prozent zulegte, schrumpfte die übrige Chemieproduktion deutlich. Beide Felder werden oft als ein Sektor adressiert, fallen aber in Auftragslage und Vorprodukt-Verfügbarkeit zunehmend auseinander.

Welche Stoffe konkret in Bewegung sind

Sehr unterschiedliche Stoffgruppen sind betroffen, und das auf unterschiedliche Weise. Der VCI nennt für 2025 und 2026 ausdrücklich Ammoniak und Phosphat sowie technische Gase wie Helium und Schwefel als Bereiche, in denen Versorgungsengpässe ernster werden. Bei Magnesium hatte sich bereits 2021 gezeigt, wie schnell sich eine Verknappung niederschlägt: Die Preise stiegen zeitweise auf das Mehrfache des historischen Niveaus, weil ein Großteil der Weltproduktion an einem einzelnen Standort konzentriert ist (vgl. Börsen-Zeitung).

Was das in der Praxis für Beschaffer bedeutet

Für Einkäuferinnen und Einkäufer im industriellen Umfeld verschiebt sich damit der Zeithorizont, auf dem belastbare Auskünfte möglich sind. Preise, die noch vor wenigen Jahren auf zwölf Monate stabil blieben, müssen heute bei jeder größeren Bestellung neu eingeordnet werden. Und Lieferzeiten hängen nicht mehr vorwiegend vom Hersteller ab. Sie hängen ebenso an Vorprodukten, Frachtwegen, Hafenkapazitäten.

Daraus folgt der Anfrage-Schritt vor jeder Bestätigung. Wir prüfen für die angefragte Menge die aktuelle Verfügbarkeit, klären die infrage kommenden Bezugswege und nennen anschließend einen Preis und einen Liefertermin, die wir auch halten können. Das ist der Grund, warum unsere Produkte in der Regel mit einem Anfrage-Status erscheinen. Die Auskunft, die wir geben, soll im Einkauf belastbar sein.

Wer im industriellen Einkauf mit verlässlichen Preisen und realistischen Lieferzeiten arbeitet, wird beides 2026 öfter neu vermessen müssen. Standardpreise reichen für viele Bestellungen nicht mehr aus. Genau dafür ist der Anfrage-Schritt da: Er sorgt dafür, dass eine Auskunft im Einkauf trägt, auch über den Bestellzeitpunkt hinaus.